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Sprachliche Identitätsfindung

von Karina Beigelzimer

Alle Menschen – so auch ich – definieren sich über ihre Sprache. Sie beeinflusst und spiegelt die Mentalität des Menschen und sein Denken.

Derzeit findet in meinem Land nicht nur ein Kampf auf dem Schlachtfeld, sondern gewissermaßen auch ein „Kampf der Kulturen“ statt. Dies reicht von der Zerstörung von Gebäuden und Kulturdenkmälern, dem Entfernen ukrainischer Literatur aus den Bibliotheken bis zum Raub einmaliger Kunstschätze. Die Russen drängen der Bevölkerung in den besetzten Gebieten ihre Sprache und ihre Kultur auf. Alles Ukrainische soll ausradiert werden. Beispielsweise werden Schüler dort gegen die Ukraine aufgehetzt. Grundsätzlich behauptet die russische Seite, die Ukraine habe gar keine eigene Kultur und das Ukrainische sei nur ein russischer Dialekt, womit die ukrainische Sprache als „zweitklassig“ und „minderwertig“ dargestellt wird. Dabei ist die Ukraine eine Nation mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte. Kyiv war bereits eine große Metropole, als Moskau noch nicht einmal ein Dorf war.

Von ukrainischer Seite gibt es aus Protest eine Gegenbewegung: Alles Russische wird kategorisch abgelehnt. Doch dies führt zu einigen Herausforderungen. Besonders sichtbar werden diese im Bereich der Sprachen, denn die Muttersprache vieler Ukrainer ist aus historischen Gründen Russisch, auch meine. Gleichzeitig ist Ukrainisch die alleinige Amtssprache meines Landes. Selbstverständlich beherrsche ich sie neben drei weiteren Sprachen. Ebenso wie die meisten Ukrainer bin ich mit dem Russischen wie mit dem Ukrainischen gleich vertraut.

Gleichzeitig fällt mir in den vergangenen Monaten auf, dass sehr viele – insbesondere auch jüngere Menschen – sich jetzt bewusst auf Ukrainisch unterhalten und man diese Sprache nun viel öfter hört. Dieser Trend wird aus Streaming-Plattformen und YouTube deutlich, auf denen das Interesse an ukrainischsprachigen Inhalten wächst.

Seit dem 24. Februar wird die russische Sprache zunehmend in der Öffentlichkeit abgelehnt. Es gibt beispielsweise Forderungen, in der Schule kein Russisch mehr zu unterrichten. In vielen Städten hat man diese Entscheidung schon getroffen. Und so mancher möchte am liebsten die gesamte russische Kultur aus der Ukraine verbannen.
Viele Menschen in Odessa waren früher positiv gegenüber Russland eingestellt. Erst nachdem Putin 2014 die Krim annektierte, begann sich diese Stimmung zu verändern. Seit diesem Jahr hat sich die Lage radikal gewandelt. Nicht einmal fünf Prozent der Bewohner der Stadt sind noch prorussisch. Odessa war immer ein Zusammenspiel aus verschiedenen Kulturen, ein Mosaik unterschiedlicher Mentalitäten. Künftig wird ein Teil, die russische Sprache, vielleicht fehlen.

Putin sagt, er wolle uns „beschützen“. Beschützen – wovor? Meine Freunde und ich wurden nie wegen der russischen Sprache diskriminiert. Die Ukraine ist ein demokratisches und tolerantes Land, in dem viele Nationen friedlich miteinander leben.

Und dennoch schämen sich viele Ukrainer jetzt, wenn sie Russisch sprechen, weil sie nicht für Russen gehalten werden wollen. Ich kann es auch nachvollziehen, wenn es jetzt in der Ukraine Menschen gibt, die für sich entscheiden, nichts mehr mit der russischen Sprache zu tun haben zu wollen, weil die Wunden, die der Krieg verursacht, einfach zu tief sind.

Über Anne Frank weiß man, dass sie ihre Muttersprache Deutsch im Exil in Amsterdam ablegte und ihr berühmtes Tagebuch auf Niederländisch schrieb. Viele russischsprachige Ukrainer, lehnen es jetzt aus ähnlichen Motiven ab, Russisch zu sprechen: Dadurch wollen sie sich abgrenzen von der Sprache der russischen Invasoren, die ihre Wohnungen zerstören, sie aus ihrer Heimat vertreiben und durch die sie vielleicht sogar Nachbarn, Bekannte, Freunde und Familienangehörige verlieren. Diese Entscheidung muss aber jeder für sich selbst treffen.

Sollte man keine Symphonien von Tschaikowski mehr anhören und keine Bücher von Tolstoi mehr lesen, nur weil Putin einen barbarischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine führt? Ich stelle mir immer wieder diese Fragen und kann keine Antwort finden. Ein Teil meiner Seele weigert sich, dies zu verbieten, ein anderer lehnt aber alles ab, was mit Russland zu tun hat.

Obwohl ich jetzt jeden Tag Ukrainisch spreche, wird meine russische Sprache, die nun mal meine Muttersprache ist, durch diesen Krieg nicht einfach verschwinden, sie ist Teil von mir. Warum sollte ich meine Muttersprache wegen des Krieges verleugnen? Würde ich dies tun, so würde ich einen Teil meiner Identität aufgeben und Putin hätte genau das erreicht, was er wollte. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn ich im Alltag Russisch und Ukrainisch spreche, mich aber zu hundert Prozent als Ukrainerin fühle und unsere Kultur gegen die zerstörerische, hasserfüllte Ideologie des Kremls verteidige. Wir wollen von Russland nicht beschützt, sondern von seinem Terror befreit werden.

In meiner Familie gab es schon immer ein großes Interesse an verschiedenen Sprachen und Kulturen – und ich habe diese Begeisterung geerbt. Meine Großmutter war Ukrainischlehrerin und hat meiner Mutter und mir die Liebe zu dieser schönen Sprache weitergegeben. Mein Urgroßvater Koppel Lyubarskiy war Professor für Germanistik und leitete bis zu seinem Tod 1972 die Abteilung für Fremdsprachen des Staatlichen Pädagogischen Instituts in Odessa. Er starb vor meiner Geburt. Aus den Erzählungen meiner Mutter erfuhr ich von seiner interessanten Biografie. Er war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er bald freikam, um anschließend in Brüssel zu studieren. Mich hat es immer fasziniert, warum er sich, vor allem als Jude, auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Sprache beschäftigte. Wir hatten zu Hause viele Bücher auf Deutsch. Es waren diese geheimnisumwitterten antiquarischen Raritäten, die das Faszinosum einer Terra incognita in sich bargen. Das wollte ich unbedingt entschlüsseln. So begann ich, in Odessa Germanistik zu studieren und später Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten.

Es macht mich glücklich, wenn ich junge Menschen in deutscher Sprache unterrichte und ihnen Werte wie Toleranz und Weltoffenheit vermitteln kann. Ich möchte mit meinen Schülerinnen und Schülern die Neugierde auf andere Länder und Kulturen teilen. Ihnen beibringen, dass sie Mosaikstücke anderer Kulturen in sich aufnehmen können, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben. Im Gegenteil: dass die eigene Identität sogar geweitet wird durch einen zusätzlichen Reichtum an Sprachen und Kulturen. Ich vermittle somit gerade das Gegenteil des nationalistischen und egozentrischen Weltbilds Putins, das alles Fremde bekämpfen und ausrotten möchte.

Für mich blüht ein Land im friedlichen Austausch mit anderen Nationen auf, wenn sie sich gegenseitig achten und voneinander lernen wollen. Ich betrachte die Ukraine als Teil der großen europäischen Familie mit einem gleichberechtigten Platz innerhalb der Weltgemeinschaft – eine Ukraine, die vielfältig ist mit all den Kulturen und Sprachen, die sie vereint.

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