Von Till Mayer
Michael Löffler hat in Odessa seine Liebe und sein Zuhause gefunden. Er brachte ein besonderes Stück Deutschland mit in die prächtige Hafenstadt.
„Stammtisch“ steht da in weißen Buchstaben auf blauem Grund. Daneben ein kleiner Fahnenständer mit Deutschland-, Österreich- und Europa-Fähnchen. „Jeden Mittwoch treffen wir uns hier“, sagt Michael Löffler. Er ist in Odessa quasi der Vater des Stammtisches für Deutsche, Österreicher und alle, die sich gerne auf Deutsch unterhalten, in einem Biergarten am Rande des Stadtparks. Mit einem grünen Blätterdach über einer Terrasse, auf der schon vor 130 Jahren gut betuchte Kaufleute aus aller Welt speisten.
Auf der Karte steht unter anderem ein bayerischer Wurstteller, inklusive Weißwürsten, letztere nicht zum urigen „Zuzeln“ gedacht. Dafür gibt es süffiges, selbstgebrautes Bier, auf das so manche deutsche Brauerei stolz wäre. Der 43-jährige Löffler ist gebürtiger Mittelfranke, er kommt aus Weißenburg. Der Biergarten ist wie ein Gruß aus der alten Heimat für ihn.
Odessa, die Metropole im Süden der Ukraine, kann mit ihrer Eleganz den Atem rauben
Dieser Ort ist eingebettet in eine Stadt, die mit ihrer Eleganz den Atem rauben kann. Perle des Schwarzen Meers, das mag abgedroschen klingen. Aber ja, es stimmt einfach für Odessa, die Metropole im Süden der Ukraine. Auf dem Weg zum Biergarten passiert der Bayer prächtige Hausfassaden aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Jugendstil, Neo-Renaissance, Neo-Barock, Neo-Klassizismus – all das reiht sich links und rechts von schönen Alleen. Die prächtige Oper, erbaut von 1884 bis 1887, der Woronzow-Palast im Tudor-Stil – welch eine Pracht.
Doch der Krieg holt Löffler schnell ein. Zu hören gibt es kein Meeresrauschen vom Hafen, kein spätsommerliches Vogelgezwitscher in den Bäumen, dafür singen die Generatoren dröhnend über Stunden hinweg vor Geschäften und Cafés. Die jahrelangen gezielten Angriffe Russlands auf die ukrainische Energie-Infrastruktur treffen gerade Odessa hart. Schon jetzt sorgen sich die Menschen vor dem nächsten Winter mit Kälte, Blackouts, rationiertem Strom, Heizung und Wasser.
Geht es für Michael Löffler mit seiner ukrainischen Partnerin und den beiden Töchtern (drei und sechs Jahre) an den Strand, führt der Weg meist an einem Spalier der Traurigkeit vorbei. Es sind Hunderte von Gesichtern Gefallener, die links und rechts des Wegs von mannshohen Bannern in schwarzen Stahlrahmen auf die Passanten blicken.
An Umkleidekabinen am Strand hängen Plakate, die vor treibenden Seeminen warnen
Am Strand reihen sich Liegen und Sonnenschirme. In den Bars gibt es ausgefallene Cocktails. Zwischen den hippen Sitzsäcken duftet es nach dem Apfeltabak der Wasserpfeifen. Dahinter auf der asphaltierten Zulieferstraße stehen die Pickups der Drohnenjäger mit aufmontierten Maschinengewehren. Ertönen, wie meist mehrmals am Tag, die Sirenen und rattern die Warnapps auf den Smartphones, rollen die Wagen aus dem Schatten. Dann munitionieren Soldaten die Waffen auf.

Ziele der russischen Drohnen sind oft die Frachtschiffe, die mit Getreide beladen aus dem Hafen Richtung der Meerenge bei Istanbul auslaufen. Man sieht sie vom Strand aus Kurs halten. Doch es kann auch einen Wohnblock treffen. An Umkleidekabinen hängen Plakate, die vor treibenden Seeminen warnen. Schon Kinder lernen in Odessa, wie diese aussehen.
Der Krieg ist zum Alltag geworden. Vor der berühmten Potemkinschen Treppe feixen versehrte Soldaten, die sich gerade auf Reha befinden. Teenagerinnen filmen ihre Freundinnen für den nächsten Tiktok-Post. Im Hintergrund ragt ein schwerbeschädigtes Hafenhotel in den Himmel. „Odessa lässt sich trotz Krieg seine Würde und Lebensfreude nicht nehmen“, sagt Löffler. Doch dieser Krieg kann gefährlich nahekommen. In ein Gebäude, nur einen Block von der Wohnung der Löfflers entfernt, schlug eine russische Rakete ein. „Auch unser Haus nahm Schaden, im Dach klaffte ein Loch. Fenster zersprangen. Überall zerbrochenes Glas, Splitter und Trümmer. Es war ein Schock für meine Frau und die Kinder“, erzählt er.
Löffler zeigt Fotos von seiner Wohnung und sagt dann: „Einen guten Luftschutzraum haben wir auch“
Löffler zeigt auf dem Smartphone Bilder seiner Eigentumswohnung. „Altbau, vier Meter hohe Decke. Wundervoll. Das ist das Zuhause für meine Familie und mich.“ Er fügt hinzu: „Einen guten Luftschutzraum haben wir auch.“ Wenige Minuten später sind zwei Explosionen dumpf aus der Ferne zu hören. Löffler horcht auf. „Die Patriot-Systeme der Luftabwehr sind verschossen. Ballistische Raketen treffen ungehindert ihre Ziele. Das besorgt mich natürlich als Familienvater sehr. Das muss sich ändern, die Ukraine braucht da mehr Unterstützung“, sagt er leise. Doch die Geräusche sind zu weit entfernt, als dass sie seine Familie betreffen könnten. Auf einer App sieht er trotzdem nach, ob weitere Drohnen oder Marschflugkörper im Anflug sind.

Michael Löffler ist ein Selfmade-Mann. Er hat sich eine kleine IT-Firma aufgebaut. Für seine ukrainischen Mitarbeiter ist er voll des Lobes: „Sie sind fleißig, zuverlässig und vor allem flexibel“, sagt er. Löffler hat einiges von der Welt gesehen. 2005 trat er ein Praktikum als Maschinenbau-Student im Polytechnischen Institut von Kiew an. „Es hätte aber auch Ägypten oder Norwegen sein können. Dafür hatte ich mich ebenfalls beworben“, erinnert er sich. Die Ukraine machte das Rennen. „Es war damals der wilde Osten für mich. Meine erste Begegnung mit einem Mitbewohner im Studentenwohnheim fiel dann doch recht ausgefallen aus. Es war ein Schwarzer, der im tiefsten Bairisch Servus zu mir sagte“, erzählt der Unternehmer lachend.
Er hat einiges von der Welt gesehen. Als es um die Menschen des Iran geht, beginnt er zu schwärmen. Vielleicht braucht es gerade eine weltoffene und mondäne Stadt wie Odessa, um ihn zu halten. Seit 2010 lebt er in der Metropole, fand hier seine Liebe, gründete seine Familie. „Als die Vollinvasion 2022 begann, ging es für ein halbes Jahr nach Deutschland zurück. Wir wussten nicht, ob russische Truppen nicht bis nach Odessa vorrücken.“ Wladimir Putin spricht den Menschen der Ukraine ab, eine eigene Nation zu sein. Odessa, so sieht es der Machthaber in Moskau, gehört zu seinem Imperium.
Putins „dreitägige militärische Spezialoperation“, in der er die ganze Ukraine unter Kontrolle bringen wollte, endete als brutaler Abnutzungskrieg
Michael Löffler sieht das anders. Zum Interview ist er mit einem proukrainischen T-Shirt gekommen. Putin hat mit seinem Angriffskrieg das Gegenteil seiner Ziele erreicht. „Die Menschen besinnen sich immer mehr ihrer ukrainischen Identität“, findet er. Das wird auch an diesem Montag, am ukrainischen Unabhängigkeitstag, überall zu spüren sein. Putins „dreitägige militärische Spezialoperation“, in der er das ganze Land unter Kontrolle bringen wollte, endete als brutaler Abnutzungskrieg mit der Front im Donbas, Nordosten und im Süden. Und jahrelangem Terror für die ganze Ukraine durch russische Luftangriffe mit Raketen und Drohnen.
In den russisch besetzten Gebieten wird gemordet und gefoltert. Tausende sind verschwunden. Das ist Michael Löffler nur allzu bewusst. Ein Odessa unter russischer Besatzung, für ihn wäre das kein Ort zum Leben. Auch nicht mit schicker Altbau-Wohnung. „Die Menschen der Ukraine kämpfen tapfer um ihre Unabhängigkeit. Sie sind eine stolze Nation mit jahrhundertealter Kultur und Tradition. Russland muss endlich verstehen, die Zeiten des Kolonialismus sind vorbei. Die Freiheitsliebe, die Tapferkeit, die ich in der Ukraine finde, sind ein Grund für mich, hier zu leben.“

„Schauen Sie auf alle Fälle beim Stammtisch vorbei, ich bin mit der Familie auf einer Hochzeit in der Westukraine“, verabschiedet sich der 43-Jährige. Zwei Tage später werden abends ein halbes Dutzend Tische zusammengerückt. Daran sitzt zum Beispiel Rentner Manfred, ein Siebenbürger Sachse, der gleich ein wichtiges Thema anspricht. „Ich habe eine Langzeit-Residenz für die Ukraine. Das ist schön. Nur jetzt soll ich deswegen die Führerscheinprüfung auf Ukrainisch machen. Solche Dinge, die bewegen uns Stammtischler natürlich auch“, erklärt er. Der rüstige Senior engagiert sich als Freiwilliger, er fährt Zahnärzte-Teams zu Behandlungen von Soldaten und Zivilisten nahe der Kampfgebiete. „Ich denke, es ist wichtig, seinen Beitrag für die Wahlheimat zu leisten“, meint er.
Am Stammtisch gibt man sich höflich, aber allzu tiefe Gespräche mit den Rechtsaußen-Gästen aus Deutschland entstehen nicht
Neben ihm sitzt ein ukrainisches Pärchen, das gekommen ist, um einfach „unter netten Menschen unsere Sprachkenntnisse in Deutsch zu verbessern“. Ein österreichisch-ukrainisches Paar ist auf Familienbesuch in der Stadt. Dann sitzen da noch Geschäftsleute und eine Handvoll Gäste aus Deutschland, die ein Stammtisch-Bruder mitgebracht hat. Anhänger des Rechtsaußen-Lagers, wie sich herausstellt. Europas extrem rechte Parteien gelten als prorussisch. Die AfD hat den Ruf, ein Kreml-Handlanger zu sein. Eine Partei, die der Ukraine jede Unterstützung entziehen würde, wäre sie an der Macht.
Am Stammtisch gibt man sich höflich. Aber allzu tiefe Gespräche mit den Rechtsaußen-Gästen aus Deutschland entstehen nicht. Stammtisch-Vater Michael Löffler sagt auf Nachfrage: „Jüngst war auch eine Grünen-Abgeordnete bei uns. Es wäre doch gut, wenn zum Beispiel in die AfD andere Eindrücke aus der Ukraine Einzug halten. Sie außenpolitische Positionen überdenkt. Wir bemühen uns um ein harmonisches Miteinander und gute Gespräche, auch bei politisch unterschiedlichen Positionen.“
Der Abend geht ein wenig schneller zu Ende als üblich. Die Rechtsaußen-Gäste sitzen noch, direkt vor dem weiß-blauen Stammtisch-Schild. Die Deutschland- und Österreich-Fähnchen stecken noch in dem Ständer daneben. Die Europa-Fahne ist verschwunden.